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Einsamkeit: Das Monster der Moderne

Aktuelles

Öffentliche Podiumsdiskussion des Ortsverbands Lauterecken am 28. Februar 2026 zum Thema “Gemeinsam gegen Einsam – Wege aus der Einsamkeit”

Gruppenbild mit 8 Personen vor einem SoVD-Aufsteller.
Teilnehmende der Podiumsdiskussion, v. li.: Landrat Johannes Huber, Gemeineschwester Plus Eilsabeth Schneider, Helmut Burkhardt (SoVD Lauterecken), Christian Dirb (AWO Darmstadt), Rose Söder und Isabelle Seltenreich (LSV Rheinland-Pfalz), Staatssekretär Dr. Denis Alt, Albrecht Bähr (Diakonie Pfalz und LIGA der freien Wohlfahrtspflege).

Einsamkeit ist in Wahrheit kein Gefühl. Sondern ein Erleben von Bezugslosigkeit. Sich nirgends zugehörig fühlen. Physisch und psychisch isoliert sein. Nicht wahrgenommen werden. Kein Vertrauen und vor allem Scham. All das und viel mehr wird mit Einsamkeit assoziiert. 

Eigentlich sollte man meinen, dass in der heutigen Gesellschaft der Möglichkeiten Einsamkeit kein Thema mehr ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. Und die Zahlen sprechen für sich. Familienstrukturen zerbrechen, oft durch Wegzug. Ganze Landstriche „veröden“. Finanzielle Probleme treiben in die Isolation. Infrastruktur, vor allem ÖPNV, bricht weg. Und selbst die Digitalisierung führt in einer, gefühlt immer kleiner werdenden Welt, nicht zu mehr Nähe, sondern zu mehr Distanz. Die Corona-Pandemie hat dies alles, vor allem bei jungen Menschen, noch verstärkt. Einsamkeit ist, wenn man es sehr plastisch darstellt, über 75 oder unter 25 Jahre alt, sie ist vermehrt weiblich und/oder alleinerziehend. 

Einsamkeit ist kein Thema einer Generation und, so hat es der Ortsverbandsvorsitzende Helmut Burkhardt in seiner Begrüßung formuliert, sie Ausdruck eines erodierenden Zusammenhalts und schlussendlich eine Gefahr für unsere Demokratie.

Mentale Gesundheit als Thema in der Schule

Durch das breit besetzte Podium wurden viele Perspektiven in die spannende Gesprächsrunde eingebracht. Die Vertreterinnen der Landesschülerinnen- und Landesschülervertretung RLP (LSV) haben betont, dass Corona zu einer Zuspitzung der Situation führte. Junge Menschen wurden in einer prägenden Phase ihres Lebens praktisch alleine gelassen und eine Aufarbeitung fand praktisch nicht statt. Sie wünschen sich, dass es mehr Schulprogramme gebe, die sich vor allem um Aufklärung und Hilfestellung bemühen, aber auch Jugendliche aktivieren selbst tätig zu werden. Auch auf die mentale Gesundheit muss in Schulen viel mehr eingegangen werden.

Staatssekretär Dr. Denis Alt hat darauf hingewiesen, dass Einsamkeit bis vor wenigen Jahren im öffentlichen Diskurs nicht vorkam. Auch in der Politik musste umgedacht werden. Jetzt geht es darum als Politik Lösungen zu implementieren, die tatsächlich helfen. In Zeiten begrenzter finanzieller Ressourcen müssen Mittel effizient eingesetzt und Fehlallokationen vermieden werden. Es braucht zudem passgenaue Maßnahmen. In Rheinland-Pfalz wird deshalb u.a. stark auf die Gemeindeschwester Plus gesetzt, die älteren Menschen bei ihrem Weg aus der Isolation unterstützen soll. Auch die Digitalbotschafter verfolgen einen ähnlichen Ansatz, indem sie durch digitale Bildung Menschen befähigen am digitalen, gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

„Zur Bekämpfung von Einsamkeit brauchen wir das Ehrenamt. Und diese Ehrenamtlichen brauchen hauptamtliche Unterstützung.“

Dr. Denis Alt

Bund und Länder müssen Projekte unterstützen

Johannes Huber, Landrat des Landkreises Kusel, hat vor allem die lokale Ebene ins Spiel gebracht und dargestellt, was Kusel, generationenübergreifend, gegen Einsamkeit tut. Es finden z.B Jugendaktionentage und Jugend- und Demokratiekonferenzen statt, lokale Jugendtreffs werden unterstützt und junge Menschen aktiviert selbst aktiv zu werden. Aber auch für ältere Menschen werden Angebote geschaffen, die sie aus der Isolation herausholen sollen, wie z.B. Seniorenmessen oder Tanzcafés. Eine große Herausforderung im ländlichen Raum ist aber vor allem die Sicherstellung der Mobilität. Zwei Aspekte betonte er im Laufe des Gesprächs besonders: Es braucht Netzwerke in unserer Gesellschaft und die lokalen Ebenen können die Herausforderungen nicht alleine stemmen, sondern brauchen (auch finanzielle) Unterstützung von Land und Bund.

Elisabeth Schneider, Gemeindeschwester Plus, stellte vor allem heraus, dass Einsamkeit ein schambehaftetes Thema ist. Das Umfeld verengt sich. Der eigene Radius wird durch körperliche Gebrechen immer weiter eingeschränkt. Ihre Aufgabe sieht sie vor allem darin, Seniorinnen und Senioren miteinander zu vernetzen. Außerdem will sie die Gemeinschaft sensibilisieren für das Miteinander und die Achtsamkeit fördern.

Soziale Sicherheit ist genau so wichtig wie innere und äußere

Albrecht Bähr, Vertreter der Diakonie und der LIGA, hat vor allem auf die gesellschaftlichen Dimensionen von Einsamkeit hingewiesen. Menschen fühlen sich verlassen und nicht wertgeschätzt. Eine Gesellschaft darf Menschen nicht daran messen, was sie wirtschaftlich zu leisten im Stande sind. Die politischen Debatten über die Verteilung der finanziellen Ressourcen spaltet die Gesellschaft nachhaltig. Man kann den Eindruck gewinnen, dass innere und äußere Sicherheit „mehr wert ist“ als soziale Sicherheit. Er hofft hier auf ein radikales Umdenken. Wir müssen uns auf die Kräfte im Gemeinwesen besinnen und den Gemeinschaftsgedanken fördern. Neben der Verantwortung der Politik existiert auch immer die eigene, persönliche Verantwortung.

„Wer Menschen danach beurteilt, was sie wirtschaftlich zu leisten im Stande sind, ist verantwortlich dafür, dass sich Menschen alleine fühlen.“

Albrecht Bähr

Auch die rund 80 Gäste bekamen die Möglichkeit sich zu beteiligen. Besonders bewegt hat das Statement einer ehrenamtlichen Ortsbürgermeisterin, die hervorhob, dass der ländliche Raum abgehängt wird. Die Sozialräume sind so unterschiedlich, dass hier von Chancengerechtigkeit nicht einmal im Ansatz gesprochen werden kann. Präventionsmaßnahmen gibt es viel zu wenig und zudem kämpfen die lokalen Strukturen damit, dass Ausgaben in diesem Bereich immer freiwillige Leistungen sind und in Zeiten knapper Kassen zuerst gekürzt oder gänzlich gestrichen werden. 

Zum Abschluss dankte Helmut Burkhardt allen Personen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatten, sowie der Verbandsgemeinde Hoppstädten für die kostenlose Überlassung des Veranstaltungsorts.